„Wir freuen uns heute Gisela Enders, die Vorsitzende des Vereins Dicke e.V. für Drachenlachen interviewen zu dürfen.
Gisela, seit wann gibt es Dicke e.V.?
Den Verein gibt es seit etwa einem Jahr, da wir alle ehrenamtlich daran arbeiten, geht der Aufbau nur langsam voran. Aber wir freuen uns über die vielen Interessierten und Besucher auf unserer Internetseite, die wir ja in der Regel nicht persönlich kennenlernen, höchstens manchmal mit einem Beitrag im Gästebuch und sonst nur anhand der Statistik. Die Internetseite heißt übrigens http://www.dicker-verein.de/.
Und wie seid ihr darauf gekommen, einen Verein zu gründen?
Es gab Ende der 90er Jahre bereits einmal einen Verein für die Akzeptanz dicker Menschen. Leider ist dieser wieder aufgelöst worden. Seitdem hat sich in meiner Wahrnehmung der Druck auf dicke Menschen erhöht. Wir sprechen häufiger von der Epidemie Übergewicht, die Zahlen können dies aber in längst nicht so dramatischer Weise nachweisen, wie dies durch die Medien getan wird. Besonders schlimm empfinde ich den Druck auf dicke Kinder und Jugendliche. War es schon früher nicht schön, dick in der Jugend zu sein, so ist dies heute – zumindest in Deutschland - ein staatlicherseits angeordnetes Spiessrutenlaufen – immer unter der Premisse „Wir meinen es nur gut – aber nur, wenn Du abnimmst“. Von vielen Gesprächen mit jungen Menschen weiß ich, dass der Druck immens ist.
Dazu hast Du als Autorin auch ein Buch geschrieben, war dies der Auslöser?
Ja, mein zweites Buch widmet sich der Geschichte eines jungen Mädchens, welche unbedingt abnehmen will. Im Austausch mit ihrer dicken Tante ist sie in der Lage den Druck abzubauen und viele schöne Erlebnisse zu haben – ohne erst abzunehmen. Meine Hoffnung ist, dicken jungen Menschen damit ein Gegenbild zu geben, gegen all die Vorgaben, dass man erst glücklich sein könne, wenn man abgenommen hat.
Wann hast Du selbst diese Erkenntnis gehabt?
Leider noch nicht als Jugendliche, erst als junge Frau. Mir hat eine Selbsthilfegruppe geholfen, die sich mit dem Bild der dicken Frau und Diäten auseinandergesetzt hat. Als ich kapiert habe, dass 95% aller Diäten auf einen Zeitraum von 5 Jahren scheitern, habe ich mich auf den schwierigen Weg der Selbstakzeptanz gemacht. So wie ich bin, gesellschaftlich definitiv nicht in der Norm.
Diese Erfahrung hast Du auch bereits in einem Buch geschildert?
Ja, vor 10 Jahren habe ich mein erstes Buch geschrieben: Dick das Leben leben. Ich glaube, es ist unter dicken Menschen, die sich selbst akzeptieren wollen, mittlerweile zu einem kleinen Klassiker geworden und hat sich erfreulich gut verkauft.
Zurück zum Verein – was habt ihr für die nächste Zeit geplant?
Dicke e.V. wird weiterhin langsam wachsen, die aktiven Personen sind alle beruflich und privat stark eingespannt und wir werden keine großen Aktivitätssprünge stemmen können. Perspektivisch wollen wir im deutschsprachigen Raum Seminare anbieten, um Menschen zu ermutigen, Selbsthilfegruppen oder starke Akzeptanzteams zu gründen. Im Augenblick bieten wir die starken Akzeptanzteams in Berlin an. Jeweils in kleinen Gruppen erforschen hier Frauen, welche Wünsche und Potentiale in ihnen schlummern und immer weggedrängt werden mit so Gedanken wie „wenn ich endlich schlank bin, dann…“ oder „das kann ich so dick doch nie machen“. Wir überlegen gemeinsam, welche kleinen Schritte – jenseits der Diät – jeweils direkt zum Ziel führen könnten und begleiten uns dann auf den Schritten zum Erfolg.
2011 haben wir ein erstes internationales Treffen vor – hierzu haben wir bei der EU einen Finanzierungsantrag gestellt. Wir sind sehr gespannt, ob die EU unsere Idee auch gut findet und fördert. Dann würden wir uns 2011 auch über viele Drachenfrauenteilnehmerinnen freuen. Darüber werden wir Euch gerne wieder mehr berichten.
Gisela, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute für Dicke e.V.