Gerlinde Freller-Steindl
Jetzt wirds Zeit mich vorzustellen. Zusammen mit meiner jüngeren Schwester wuchs ich wohlbehütet in einer sozialdemokratisch-christlichen Familie auf. Noch heute bin ich dankbar dafür ,daß mir meine Eltern 1974 eine Ausbildung in der Holzfachschule für Tischlerei und Raumgestaltung in Hallstatt ermöglichten. Zu dieser Zeit war das für ein Mädchen bei Gott keine Selbstverständlichkeit. Von einem Tag auf den anderen mußte ich mein Leben selbst organisieren. Das bestehende Internat nahm damals noch keine Mädchen auf. Die Herausforderungen machten mich stark und ziemlich erfolgreich und meine Sonderstellung als einziges Mädchen unter lauter Burschen tat meinem Selbstbewußtsein gut.
Im dritten Schuljahr verliebte ich mich in einen Burschen aus Hallstatt. Unser Zugang zu Verhütungsmitteln war sehr beschränkt und so kams wie`s kommen mußte: ich wurde prompt schwanger. Für mich und noch viel mehr für meine Eltern eine Katatrophe. Weil wir bis kurz vor der Entbindung keine Wohnung in Hallstatt gefunden hatten, zog ich zurück zu meinen Eltern, mein Freund kam nur zu Besuch. Noch vor meinem 18. Geburtstag kam mein Sohn Daniel zur Welt.
Ich unterbrach meine Ausbildung um zumindest im 1. Jahr ganz für mein Kind dazusein. Zu Beginn des nächsten Schuljahres zerriß es mir fast das Herz als ich Daniel bei meinen Eltern ließ um meine Ausbildung doch noch abzuschließen. In dieser Zeit konnte ich ihn nur jedes zweite Wochenende sehen. Wir hätten es uns nicht leisten können die 150 km jede Woche zu fahren. Auch diese schwere Zeit ging vorbei und 1979 konnte ich meine Ausbildung mit Auszeichnung abschließen.
Mein Freund zog nun mit mir nach Haibach und wir waren endlich eine komplette Familie. Ich fand sofort eine Arbeitsstelle- Vollzeit und schlecht bezahlt. Wieder machte mir meine Unerfahrenheit und Naivität Probleme. Ich durfte zwar schon bald die gesamte Küchenplanung für das Einrichtungshaus selbständig erledigen, von einer Umsatzbeteiligung wurde mir aber nichts erzählt. Mein Gehalt war der einer normalen Verkäuferin. Nach einem knappen Jahr war ich total frustriert. Ich war 12 Stunden von zu Hause weg, wenn ich Daniel abends bei meinen Eltern abholte, wollte er gar nicht mehr zu mir. So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Teilzeitarbeit war 1980 nicht zu finden.
Wir zogen die Konsequenzen und ich blieb bei meinem Kind zu Hause. Weil wir in meinem Elternhaus keine Miete für unsere kleine Wohnung zahlen mußten, konnten wir uns das leisten. So wurde ich also mit 21 Jahren Hausfrau. Anfang der achtziger Jahre wurde bei der Post in unserem Ort eine Urlaubsvertretung für die Zustellung gesucht. Ich bekam den Job, arbeitete wochenweise und bekam das gleiche Gehalt wie meine männlichen Kollegen. 1986 wurde eine Teilzeitstelle frei und ich bekam eine fixe Anstellung. Gerade rechtzeitig. Ich hatte mich vom Vater meines Kindes getrennt, weil seine Alkoholprobleme immer schlimmer geworden waren und ich nervlich völlig fertig war.
Im selben Jahr hatte ich durch meine Schwester von der Gewerkschaftsschule erfahren. Die besucht man 2 Jahre lang zweimal wöchentlich an Abend. Schon im Herbst fing ich damit an. Stellt euch vor, das alles war gratis. Rhetorikseminare, Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge, Politik, Diskussionsleitung und vieles, vieles mehr konnte ich mir als kleine Postlerin geben. Ich hab diese Zeit total genossen und dabei meine Bildung erweitert. In diesem Kurs habe ich auch meinen Mann kennengelernt, ich hatte ja 2 Jahre dazu Zeit. Weil wir beide von der Gewerkschaftsschule so begeistert waren, hängten wir noch eine Ehrenrunde als Kursbetreuer in Peuerbach an. 1990 heirateten wir und 1992 wurde unser Sohn Sebastian geboren. Nach 2 Karenzjahren wechselte ich in den Schalterdienst bei der Post. Immer noch Teilzeit, aber mit Kindern möchte ich nie mehr voll arbeiten.
Ich bedauere zutiefst alle Familien, denen es nicht möglich so eine Regelung zu leben. Obwohl ich den Umgang mit Geld eigentlich nie mochte, arbeitete ich gerne mit und für die Haibacher. Ich kenne hier jeden von klein auf , unser Ort ist ja überschaubar. Wie es jetzt ausschaut, ist unsere Postfiliale bald Geschichte. Nach dem ersten Schock träume ich nun davon endlich einmal meine kreativen Seiten ausleben zu können und daß diese Krise für mich zu einer Chance werden könnte. Wir werden sehen.